bookmark_borderDer bewusste Wille: Die Macht des (eigenständigen) Denkens

Bewusster Wille: Der Wille und das eigenständige Denken

Sich (seiner selbst) bewusst zu sein bringt willentliche Eigenmacht.

Davon, wie man tatsächlich schlank werden oder das Rauchen aufgeben kann. Oder – oder – oder.

Wir denken eigentlich den lieben langen Tag. Meistens läuft das Ganze nebenher, so lange man sich nicht bewusst darauf fokussiert, entweder einen gezielten (kontrollierten) Denkprozess zu forcieren oder aber eine bewusste „Ruhe im Kopf“, wie verschiedene Meditations- und Entspannungstechniken sie anstreben. In den bei weitem längsten Phasen des Tages, beschränkt sich das (automatische) Denken auf reflexhafte Funktion im Alltag. Wir reagieren und agieren in festen Aktions- und Reaktionsmustern, eine Art (eher intuitiver) Autopilot, der dem Umstand geschuldet ist, dass das „System Mensch“ den Energieverbrauch möglichst effizient reguliert.

In der Kognitionspsychologie wird zwischen analytischem und analogem Denken unterschieden. Ersteres erfordert deutlich mehr Aufwand, weil es eine bewusste Aufschlüsselung – und daraus resultierend Bewertung – von Inhalten und Sachverhalten vornimmt. Analoges Denken hingegen erfolgt assoziativ und spontan. Es wird auf verinnerliche Bewertungen und narrative Konnotationen zurückgegriffen, was es ermöglicht, eine Art intuitives Erfassen eines komplexen Inhaltes oder Geschehens vorzunehmen, ohne dessen einzelne Komponenten bewusst aufzuschlüsseln. Dass das Ergebnis dieses Denk- bzw. Bewertungsprozesses deutlich anfällig ist für Fremdbestimmtheit dürfte einleuchten. Schließlich wird in diesem Falle auf quasi gedankliche Bausteine zurückgegriffen, die nicht zwingend die eigenen sind, sondern im soziokulturellen Kontext vermittelt und verinnerlicht wurden. Ich würde daher dringend davon abraten, sich bei relevanten Bewertungsprozessen und Entscheidungsfindungen, auf diese Art vorwiegend intuitiv-assoziativ und damit vorrangig affektiv gesteuerte Denkweise zu verlassen. Diese führt nämlich recht schnell dazu, dass man blindlings Werten, Ideen und Prämissen folgt, die nicht zwingend etwas mit einem selbst zu tun haben müssen. Auf solche Weise entfremdet man sich sich selbst.

Die Crux ist nun, dass auch eine bewusste, analytische Aufschlüsselung, einen nicht zwingend vor Problemen bewahrt, weil sie in der Regel dem unterliegt, was das Individuum als „vernünftig“ ansieht. Unter dieser Prämisse erfolgt die gesamte Analyse und „vernünftige Bewertung“ eines Inhaltes / eines Sachverhaltes. Doch was ist Vernunft? Definiert wird Vernunft als Erkenntnisfähigkeit. Eine Aussage, die ähnlich sinnvoll ist, wie die, dass der Himmel blau ist. Ja, ist er. Er kann jedoch auch grau erscheinen. Beides ist wahr. Beides ist Erkenntnis. Erkenntnis als solche ist variabel, je nach dem, wie die Umgebung wahrgenommen wird. Zusätzlich spielen noch latente Gefühlsregungen eine gewichtige Rolle. Gedanken über den eigenen Tod z. B., sind verbunden mit inneren Regungen, die die Bewertung dieses Ereignisses beeinträchtigen werden.

Ein Mensch, der darüber nachdenkt sich das Leben zu nehmen, wird eine andere (rationale und emotionale) Position dazu einnehmen, als jemand, der schwer erkrankt ist und unbedingt überleben will. An dieser Stelle kommt der nächste und mächtigste Einflussfaktor ins Spiel, die persönliche Zielsetzung (der individuelle Wille). Hieraus ergibt sich ein Dreigestirn, das im Wesentlichen wirkt, wenn Bewertungen bewusst vorgenommen werden. Dieses besteht aus vermeintlicher Vernunft, individuell wahrgenommenen und interpretierten Umgebungsvariablen, und der persönlichen Zielsetzung, respektive dem persönlichen Willen, der die beiden anderen Komponenten (Vernunft u. Wahrnehmung / Interpretation der Umgebung) maßgeblich beeinflusst.

Das bedeutet, dass im Grunde die persönliche Zielsetzung bestimmt, was als vernünftig anzusehen ist und wie die Umgebung wahrgenommen und bewertet, bzw. interpretiert wird. Was oberflächlich betrachtet auch durchaus logisch erscheint. Eine bestimmte Zielsetzung erfordert zielgerichtetes Verhalten, also ist es sinnig, die Umgebung daraufhin zu überprüfen, inwieweit sie der Zielsetzung entgegen kommt. Man sucht also nach bestätigenden Faktoren für diese Zielsetzung und „vernünftig“ ist es in diesem Kontext, sich rein auf diese zu konzentrieren. Diese Art Vernunft führt indes direkt in den Tunnelblick, der wiederum, auf Bestätigung fokussiert und damit kaum bis keinerlei Widersprüche mehr wahrnehmen wollend, Erkenntnisspielraum reduziert, und per definitionem in Unvernunft münden muss; alias Verluste in der Erkenntnisfähigkeit. An diesem Punkt sitzt man dann gedanklich und damit auch emotional in der Falle. Denn Affekte (emotionale Regungen) sind an Gedanken und Vorstellungen gekoppelt. Im Übrigen der Pferdefuß, an dem der Intellektualismus scheitert, der eine rein rationale Herangehensweise für möglich und optimal erachtet.

Um sich aus einer Falle wieder befreien zu können, muss man sie erst einmal als solche erkennen und (für) wahr[an]nehmen können. Um das Ganze zu verdeutlichen, nehmen wir einmal das Beispiel eines übergewichtigen Menschen, der unbedingt abnehmen, bzw. schlank werden will. Das ist sein Wille. Sein erklärtes Primärziel. Nun wird es Menschen geben, die einen sogenannten „eisernen Willen“ haben und es schaffen werden, schlank zu werden und es auch zu bleiben. Wenn man einen solchen Menschen fragen wird, wie er das bewerkstelligt hat, wird die Antwort höchstwahrscheinlich lauten, dass er alle Kräfte darauf fokussiert und sich entsprechend verhalten hat. Will heißen, Ernährungsumstellung, mehr Bewegung und mentale Kontrolle, respektive konsequente Unterdrückung diverser Gelüste. Anders: Eisernes Durchhalten / willentlicher Kraftaufwand, bzw. Disziplin und zwar kontinuierlich, denn schlank bleibt man nicht von alleine. Schon gar nicht, wenn man genetisch bedingt zur Fülle neigt oder schlichtweg gerne isst. Noch anders, wo ein (tatsächlich eigenmächtig gegebener) Wille ist, da ist auch ein Weg. Die schlechte Nachricht, diese Menschen sind in der Minderzahl – und zwar eindeutig.

Der weitaus überwiegende Teil der abnehmwilligen Klientel, besteht aus Personen, die entweder bereits an der reinen Gewichtsreduktion scheitern oder aber, wenn sie es unter großen Mühen schafften abzunehmen, dem sogenannten Jo-Jo-Effekt erliegen. Was bedeutet, sie nehmen nach erfolgreicher Verringerung ihrer Körpermasse wieder zu und zwar häufig noch um einige Kilos mehr, als sie abgenommen haben. Sie werden also, wider ihres erklärten Willens, langfristig immer fülliger statt schlanker. Dies wird in der Regel mit vielfältigen Gründen belegt, die der Diätindustrie Tür und Tor öffnen. Versprechungen davon, schlank zu werden und zu bleiben, ganz ohne Hungern oder den lästigen Sport. Schlank durch gezieltes Schlafen, Ernährungsumstellung für langfristigen Erfolg, natürlich ohne zu verzichten. Das alleine ist, betrachtet man es unter rationalen Gesichtspunkten, schlicht ein Witz. Denn, verzichten muss man, wenn die Leibesfülle durch ein Übermaß an hochkalorischen Lebensmitteln entstanden ist – und das ist sie in den allermeisten Fällen – exakt auf dieses Übermaß davon. Kurzum, wer jeden Abend vor dem Fernseher seinen Gelüsten nach Chips und Schokolade frönte oder sich viel von Fast Food ernährte, der muss darauf verzichten; ganz gleich was irgendwelche Werbefachleute auch immer behaupten mögen.

Nüchtern betrachtet ist das eine Schlussfolgerung / Erkenntnis zu der jeder Mensch mühelos fähig ist. Vernünftig also, das als gesetzt anzusehen und einer Verlautbarung, die das Gegenteil behauptet, unverzüglich zu misstrauen. Indes, diesen fulminanten und zutiefst unvernünftigen, weil rational erkennbar unmöglichen Versprechungen, wird all zu oft geglaubt statt misstraut. Warum ist das so? Naheliegend die Annahme, dass das geschieht, weil der Betreffende sich wünscht, dass es funktionieren würde. Dass es möglich wäre, mit nur wenig oder gar keiner Kasteiung, das angestrebte Ziel quasi mühelos zu erreichen. Denn dass die bisher aufgewandte Mühe nicht zum angestrebten Erfolgt führt, zumindest nicht dauerhaft, diese Erfahrung und damit persönliche Erkenntnis, wurde bereits, mitunter mehrfach, erlangt und bestätigt. Der „eigene Wille“ ist einfach zu schwach.

Man könnte das umformulieren, in die Aussage, dann willst du es im Grunde gar nicht. Sollte man das tun, darf man sich jedoch auf die geballte Ladung Unmut und erbitterten Widerstand gefasst machen. Natürlich will derjenige abnehmen! Schließlich hat er schon fast alles versucht! Sich gequält und womöglich viel Geld investiert. Hinzu kommen diverse physische und / oder psychische Krankheiten, Stress, Trauer um XY, die Lebensumstände allgemein, weil und überhaupt, und so weiter, und so fort. Eine Unverschämtheit, zu unterstellen, dass er / sie schlichtweg nicht wollen würde!

Gut, nun könnte man das spezifizieren, indem man sagen würde, du willst eben lieber (im Sinne von dringlicher), so viel essen wie bisher, also zu viel um schlank zu werden und zu bleiben, und darüber hinaus auch noch das, was du magst, seien es auch Fast Food, Schokolade und Chips. Du willst vorzugsweise eine ruhige Freizeit genießen, als dich zum Sport zu zwingen, um schlank zu werden. Was den nächsten Sturm der Empörung auslösen könnte, jedoch nichtsdestotrotz den Tatsachen entsprechen würde. Die schlanke Linie steht eben nicht ganz oben in des Eigenwillens Hierarchie und genau deshalb ist der Wille zum Schlanksein schwächer, als der, der sich den präferierten Umständen zuwendet. Der Wille zum Verzehr der Lieblingslebensmittel und zur gemütlichen Freizeit, vielleicht mit einem guten Buch, ist einfach stärker ausgeprägt, als der zum Verzicht und der gesteigerten körperlichen Aktivität. Nicht die eigentliche Willenskraft des Betreffenden ist zu schwach, sondern wird durch unbewusste Faktoren fragmentiert und schlussendlich demontiert.

Wir haben hier keinen per se willensschwachen Menschen vor uns, sondern lediglich einen, der dadurch, dass er seinen eigenen Willen nicht bewusst erfasst und damit auch nicht zielgerichtet lenken kann, seine eigene Zielsetzung boykottiert. Die Falle, in der er sich verfing und die ich weiter oben bereits angesprochen habe, besteht nun aus dem Tunnelblick, fokussiert auf Diäten und das Abnehmen, wohingegen der Hinweis, woran es tatsächlich scheitern könnte, als unerhörte Unverschämtheit klassifiziert und damit reflexartig abgelehnt wird. Dieser Reflex ist im Übrigen aus dem wissenschaftlichen Umfeld bekannt und nennt sich Semmelweis-Reflex. Die abrupte Ablehnung dessen, was einer etablierten und fest verankerten Überzeugung zuwider läuft, weil dieser Widerspruch unwillkürlich als Affront klassifiziert wird. Vernünftig ist das nicht, selbst wenn der Betreffende noch so sehr davon überzeugt sein mag, doch ehrlich alles versucht zu haben.

Ergo sitzt er nun nicht nur in einer gedanklichen Falle, seinen Willen betreffend, sondern auch in der emotionalen Tretmühle der Empörung, sieht er sich in seinem Bemühen vermeintlich nicht gewürdigt. Was die Aussage, dass er im Grunde gar nicht das wollen würde, was er annimmt als sein dringlichstes Ziel definiert zu haben, von seiner Warte aus beinhaltet. Um aus besagter Falle aussteigen zu können, ist es zumindest nötig, dass derjenige es überhaupt wagt, in Erwägung zu ziehen, dass er gar nicht schlank sein will. Oder aber, besagter Wunsch nicht stark genug ausgeprägt ist, um als oberste Priorität die innere Agenda zu dominierten. Aber, wie kann das sein, beschäftigt sich dieser Mensch doch stets und ständig mit Diäten und diversen Versprechen, die ihn doch noch dorthin bringen könnten? Dorthin, wo er seines Erlebens nach so dringend hin will, dass er sogar vollkommen hanebüchenen Versprechen aufsitzt, so lange sie Erfolg ohne Mühe und somit wenig nötige Willensstärke in Aussicht stellen? Warum ist das alles reine Unvernunft, also das Verkennen (nicht Erkennen) eines Umstandes?

Weil Willensstärke nicht mühsam ist! Im Gegenteil, ist ein tatsächlich gebündelter und fokussierter Wille, der Zustand, in dem alles am Wenigsten mühsam ist, weil alles im Inneren in eine Richtung strebt – und zwar ohne Zaudern, Zögern, Hadern oder Zweifeln. Das hauptsächlich Quälende an einem Verzicht, ist nicht der Verzicht als solches, sondern die Beschäftigung mit dem vermeintlich entstandenem Mangel. Das Zweifeln, Zögern, Zaudern und Hadern – der geballte innere Widerstand, gegen etwas, das man zwar für vernünftig hält, im Grunde aber gar nicht will. Jedenfalls nicht vorrangig.

Das Empfinden, sich selbst etwas wegnehmen oder verbieten zu wollen, wogegen ganze Teile des inneren Selbst auf die Barrikaden gehen. Man denkt den ganzen Tag ans Essen, beispielsweise, und hadert fortgesetzt mit sich, ob man nun etwas isst oder nicht. Ein überaus kraftraubender, anstrengender und zermürbender Zustand, der schlussendlich ziemlich sicher bei etwas Essbarem endet, was dann als regelrecht erlösend empfunden wird. Womit sich das Problem nochmals verschärft, weil man sich damit darauf konditioniert, dass das Essen die Qual flugs beenden wird und sich extrem gut anfühlt. Kurz, es wird zur mentalen Ultima Ratio, von uns selbst anerzogen. Bei der Frage, ob man nun nicht doch noch eine Zigarette rauchen soll, verhält es sich ähnlich. Oder bei der, ob das x’te Paar Schuhe wirklich noch sein muss? Oder das so und so vielte Glas Wein für den Tag? Man konditioniert sich in der eigenen Tretmühle, indem man sich immer wieder „Erlösung“ verschafft, hat man lange genug mit sich gerungen und hält es nicht mehr aus. So überzeugt man sich nachhaltig von der eigenen „Willensschwäche“, fühlt sich immer mehr ohnmächtig und ausgeliefert. Und versucht schließlich, das eigene, kontinuierlich als solches erlebte „Versagen“ zu begründen.

Es geht einem ohnehin bereits nicht gut, man quält sich mit diesen ganzen vernünftigen Entscheidungen herum, die besagen, dass Übergewicht (das Rauchen, der übermäßige Alkoholkonsum, das ausufernde Frustkaufen u. ä. m.) einem schaden, aber, das Leben macht doch ohne all das gar keinen Spaß mehr. Womit soll man sich denn sonst trösten? Nun sind wir endlich beim Kern der Sache. Dem eigentlichen Willen, bzw. der eigentlichen Intention, dem absoluten Primärziel solcher Verhaltensweisen, die einem zwar Schaden zufügen können, die man sich jedoch dennoch – wider aller Vernunft – gönnt, weil man nämlich sonst völlig untröstlich wäre. Die Konnotation all dieser Verhaltensweisen ist das überaus tröstliche „sich etwas Gutes zu gönnen“.

Dumm nur, dass die Ratio das „Gute“ als das „Schädliche“ erkennt und einem damit den Genuss verdirbt, so dass man noch so viel essen, trinken, kaufen, rauchen etc. kann; es erfüllt nicht mehr seinen Zweck. Bzw. nur noch in geringem Maße, während einen im Gegenzug das schlechte Gewissen geißelt, sich selbst mal wieder Schaden zuzufügen. Aber davon lassen will man auch nicht, sonst hat man ja gar nichts mehr; so meint eine starke Stimme im Inneren.

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Weiter geht es im zweiten Teil.

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