bookmark_borderPsychische Erkrankung: Krise als Chance – Angehörige

Psychische Erkrankung: Was Sie als Angehöriger für den psychisch Erkrankten und sich selber tun können.

Aufbauend auf diesen Artikel, möchte ich mich an dieser Stelle damit beschäftigen, wie ein Umgang miteinander aussehen könnte, der zum Einen den psychisch Erkrankten bestmöglich unterstützt, zum Anderen jedoch, was mindestens von gleichwertiger Wichtigkeit ist, den helfenden Angehörigen vor Kollateralschäden bewahren kann. Besagte Schäden treten häufig im Zusammenhang damit auf, dass der helfen wollende Angehörige sich überfordert, im Bestreben alles richtig und bestmöglich zu machen.

Daher hier der in meinen Augen wichtigste Punkt, im Umgang mit einem psychisch erkrankten Angehörigen:

Machen Sie sich bewusst, dass Sie ausschließlich dann in der Lage sind im Falle psychischer Erkrankung effektiv zu helfen, wenn Sie selbst die Ressourcen dazu in sich vorfinden! Anders ausgedrückt, je besser es Ihnen selbst geht, um so wirksamer können Sie unterstützend wirken. Je mehr Sie für sich selbst tun, um so mehr können Sie auch (weiter)geben. Das bedeutet schlussendlich, dass, je besser Ihre Selbstfürsorge ist, es auch die Fürsorge für Ihre(n) Angehörigen sein wird. Das ist also etwas vom Besten, was Sie für Ihren Angehörigen tun können – eine möglichst intensive, stabil etablierte Selbstfürsorge. Machen Sie sich stark. Dann sind Sie auch eine starke Schulter für Ihren Angehörigen. Machen sie sich stabil, damit werden Sie tragfähig und können „mit tragen“.

Verabschieden Sie sich von Dogma der Aufopferung, das leider noch immer all zu oft als moralischer Maßstab propagiert und eben so oft missverstanden wird. Füreinander da zu sein und einzustehen, das bedeutet keinesfalls, sich selber zu vergessen! Das genaue Gegenteil ist der Fall. Diese Einsicht oder auch Anpassung der Perspektive, ermöglicht den Blick auf das, was als große Chance in einer solchen Erkrankung (und damit idR Krise) enthalten ist. Die darin liegende Möglichkeit über das Bisherige (Selbst) hinaus zu wachsen. Sie, als Angehöriger, können, so Sie quasi „voraus gehen“, Ihr eigenes Sein revolutionieren.

Sie können, indem Sie sozusagen sich selbst therapieren / stärken, als gutes Beispiel für Ihren Angehörigen dienen – und zwar weitgehend ohne mit dem Zeigefinger zu wedeln, bzw. zu erzieherisch anmutenden Maßnahmen greifen zu müssen. Indem Ihr Angehöriger sieht, dass das, was Sie für sich tun, Ihnen hilft (und es Ihnen damit gut geht), entsteht in ihm ganz von alleine der Wunsch, gleiches auch für sich selbst zu erreichen. Er wird Ihnen von alleine folgen (wollen) um seine psychische Erkrankung zu überwinden – und damit das tun, was jegliches auf ihn Eindringen nicht zu erreichen vermag; die Hoffnung auf und die Sehnsucht nach Verbesserung (seiner Lebensqualität).

In ihm wird ein intrinsischer (aus ihm selbst heraus motivierter) Antrieb entstehen, welcher einem extrinsischen (von außen erzeugtem) weit überlegen ist. Zusätzlich dazu noch der Umstand, dass Sie sich nicht als Antreiber abarbeiten und somit in eine Rolle geraten, die Sie auf lange Sicht ausbrennen wird, wenn Sie auf Widerstand treffen. Was nicht unwahrscheinlich ist, ganz besonders dann, wenn der Betroffene sich bevormundet oder unter Druck gesetzt erleben sollte.

Hinzu kommt, dass sie selbst idealerweise den Erkrankten nicht mehr als Last, sondern als Grund und Motivation ansehen können, sich weiterhin für sich selbst einzusetzen. Das kehrt die Perspektive um und verwandelt Vorwürflichkeit in Dankbarkeit. Sie müssen sich nicht „aufopfern“, sondern haben nun endlich einen wirklich guten Grund, sich um sich selbst zu bemühen. Wenn sie es schon nicht (rein) für sich tun, dann doch für Ihre(n) kranken Angehörigen! Wenn es Ihnen dann noch gelingt, diese Dankbarkeit in konstruktiver Form an besagten Angehörigen zu übermitteln, stärken Sie sein Selbstwertgefühl. Etwas wahrlich Gutes, was Sie in seiner Lage für ihn tun können!

Hierbei ist es nötig, dass Sie selbst Ihren Willen und ihre Gründe definieren, damit sie diese verständlich kommunizieren können. Indem Sie über sich selbst Klarheit gewinnen, Ihre Ziele, Wünsche und Bedürfnisse in sich selbst erfassen, können Sie willentlich entscheiden, wohin für Sie die Reise gehen soll, auf der Sie sich wünschen, Ihren Angehörigen zu animieren, Sie zu begleiten. So, wie Sie ihn auf der Seinen zu begleiten wünschen. Die Reiserouten müssen dabei nicht zwingend synchron verlaufen, auch das Tempo der gewählten Vehikel (konkrete Tätigkeiten und Verhaltensweisen) kann variieren. Wichtig ist einzig, dass ein gemeinsames Ziel definiert und ins Auge gefasst wird.

Offenheit, Loyalität und Augenhöhe sind in solchem Kontext gefragt. (Vergessen Sie nie, dass eine psychische Erkrankung einen Menschen nicht per se zum Mündel werden lässt!) Ebenso wie eine Kommunikation, die in erster Linie von Ihnen selbst erzählt und dem Erkrankten Raum bietet, sein eigenes Erleben darzulegen und sich darin von Ihnen angenommen und respektiert zu empfinden. Sie können sich das Ganze ein wenig wie das Drehbuch eines Abenteuerfilms vorstellen. Sie, als Protagonist, leben mit Ihren Angehörigen ein ruhiges Dasein, das, geprägt von Routinen, für Sie soweit in Ordnung ist. Und dann fällt eine zerstörerische Macht in Ihr gemeinsames Leben ein und Sie sehen sich gezwungen, sich zu entscheiden.

Sie selbst bestimmen, was Sie nun tun wollen. Ob Sie das Feld räumen und womöglich einen Angehörigen zurücklassen (auf Distanz zum Betreffenden gehen, bis hin zu Trennung und Kontaktabbruch) oder sich entschließen, sich der Herausforderung zu stellen und zusammen um das gemeinsame Da-Sein zu kämpfen. Ein Entschluss Ihrerseits, den Sie Ihrem Angehörigen auch unmissverständlich mitteilen sollten.

Besagte Herausforderung bedeutet in erster Linie das, was ich bereits zum Thema Selbstfürsorge darlegte. Denn die eigentliche Arbeit besteht nicht im Umgang mit dem erkrankten Angehörigen (den übernehmen im besten Falle Fachleute, was sein Leiden betrifft), sondern darin, sich selbst in die Lage zu versetzen, den eigenen Alltag weiterhin bestreiten zu können und das eigene Leben lebenswert zu gestalten. Und das, obwohl man um das Leiden des Angehörigen weiß, es miterlebt und versucht es zu lindern. Mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Im Wesentlichen Kern heißt das, mit einem der am schwersten zu ertragenden Gefühle überhaupt, umgehen zu lernen; Hilflosigkeit.

Womöglich noch im Verbund mit Frustration / Enttäuschung oder auch Zorn, der aus diesem Erleben womöglich resultiert. Sie selbst müssen das erlernen, was auch der Erkrankte erlernen muss. Die eigene Gefühlswelt zu regulieren, für sich selbst einzustehen, sich Raum zu nehmen oder sich bei Bedarf abzugrenzen. Im Grunde tun Sie damit das, was Sie sich vom Erkrankten wünschen. Sie lernen sich selbst besser kennen, sich und Ihre Bedürfnisse erfassen und respektieren, sich nicht für diese zu verurteilen und bewusst und willentlich Kompromisse schließen. Womit sich am Ende Ihre Lebensqualität deutlich wird verbessern lassen.

Das ist, im Idealfall, Ihre Chance, zu wachsen an und in der Krise, in der Sie Seite an Seite mit Ihrem Angehörigen stehen. Und das Beste daran, ganz gleich wie dieses Abenteuer ausgehen wird, am Ende werden Sie stärker sein, (selbst)bewusster und (erfahrungs)reicher in Ihrem eigenen inneren Erleben.

Einige konkrete Handlungs- und Kommunikationsbeispiele, so wie weitere praktische Informationen, habe ich für Sie in Teil II dieser Abhandlung zusammengestellt.

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