bookmark_borderVom Leiden der Patienten innerhalb der klinischen Psychologie

Psychologia – „(Die) Lehre von der Seele“ & Erkrankte ohne (moralische) Lobby

Klinische Psychologie & das Leiden der Patienten an psychischen Erkrankungen

Die Psychologie, die sich als empirische Humanwissenschaft vom Erleben und Verhalten definiert, wird in diverse Sparten unterteilt, innerhalb derer sie Anwendung erfährt. Viele, mitunter krude Theoriegebäude und pseudowissenschaftliche Anklänge, haben dem Ansehen der Psychologie einen gewissen Schaden zugefügt und ihr den Ruch einer Disziplin eingebracht, die per se im Trüben fischt.

Auch ist „Seele“ ( griechisch ψυχή / psychí ) ein Begriff, den man eher in religiösem und esoterischem Umfeld vermuten würde, als im Kontext einer seriösen Wissenschaft. Nichtsdestotrotz ist die Psychologie anerkannt eine solche. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts ist der Begriff (Psychologie) sprachlich etabliert und beinhaltet neben der Seele (auch Geist, Lebenskraft oder Gemüt), noch die Spezifizierung „Lehre von etwas“. Also die Lehre / Wissenschaft von der Seele, dem Geist, der Lebenskraft, dem Gemüt. All dies sind innerliche Kräfte, namentlich benannt und als gesetzt angenommen, die ihr Wirken im Außen manifestieren. Psychologie bezieht sich also auf etwas, das man nicht unmittelbar beobachten, sondern lediglich sein Wirken mittelbar untersuchen kann.

Einer Seele, eines Gemüts oder der Lebenskraft als solches, ist schließlich noch niemand leibhaftig ansichtig geworden. Und damit landen wir bei einer Problemstellung, der sich viele Patienten gegenüber sehen, die innerhalb der sogenannten klinischen Psychologie (und darin eingegliedert das Feld der diversen psychotherapeutischen Behandlungsverfahren) nach Hilfe suchen. Ihr Leiden ist unsichtbar. Man sieht lediglich sein Wirken, das sich in einer Symptomatik manifestiert. Und selbst diese ist nicht fix, sondern verändert sich, verschwindet temporär, verschärft oder verlagert sich mitunter. Ratlos steht der Leidende sich selbst gegenüber und diesem seltsam anmutenden Geschehen, von dem er nicht recht weiß, was es zu bedeuten hat. Alles was er definitiv feststellen kann, ist seine eigene, eingeschränkte Funktionsweise. Da stimmt etwas nicht (mehr).

Um wie vieles einfacher ist hingegen ein gebrochenes Bein oder ein klar zu diagnostizierendes organisches Leiden. Nicht nur in der Hinsicht, eindeutig zu wissen, was nicht stimmt; was „mit einem los ist“. Sondern auch im Zusammenhang des für sich Einstehens, wenn es beispielsweise darum geht, sich innerhalb des Arbeitslebens eine Auszeit zu nehmen. Und zwar ohne schlechtes Gewissen und das ungute Gefühl, womöglich als Simulant abgestempelt zu werden. Oberschenkelfraktur oder Herzinfarkt sind anerkannte Leiden, bei denen eine (womöglich auch längere) Auszeit als völlig legitim gewertet und nicht hinterfragt wird.

Wohingegen „irgendwas Psychisches“ versehen mit einem geheimnisvollen Diagnoseschlüssel nach ICD-10 Klassifikation und deklariert als z. B. „Depressive Episode“ der Ordnung F32.2 (was eine schwere Ausprägung wäre), ein wenig greifbares Geschehen darstellt und immer einer latenten Konnotation des „der tut nur so“ unterliegt. Gerade im Rahmen von Depressionen, die längst zur Volkskrankheit avancierten, liest man immer wieder den viel zitierten Ratschlag, der Betroffene müsse sich nur strikt genug zusammenreißen und sich sinnvoll betätigen, dann ließe sich das Leiden flugs beenden, bzw. signifikant mildern.

Ein rein psychisch Erkrankter ist also nicht in einem Maße moralisch gerechtfertigt, wie es ein deutlich körperlich Erkrankter ist. Es gibt Korrelationen in bestimmten Konstellationen. So sieht sich auch ein mit körperlichen Beschwerden unbekannter Ursache geschlagener Patient in einer ähnlichen Situation. Indes eine anorektische Person, womöglich bis auf die Knochen abgemagert, sich in gleicher Weise legitimiert sehen darf, wie die exemplarisch angeführte Oberschenkelfraktur oder der Herzinfarkt.

Es ist schließlich offensichtlich, dass das krank ist. Wohingegen ein Zwangserkrankter, der um 5 Uhr in der Frühe aufstehen muss, um dann, bevor er den Weg zur Arbeit antreten kann, erst noch 2 Stunden alle Elektrogeräte in ständiger Wiederholung auf ihren abgeschalteten Betriebszustand hin zu überprüfen, in seinem Leiden unsichtbar bleibt. Er leidet jedoch nicht minder unter seinem Zustand.

Zusätzlich erschwerend kommt der Umstand hinzu, dass in den meisten Fällen der Leidende sich nicht nur mühen wird, sein Leiden vor der Umwelt zu verbergen, sondern, darüber hinaus, es auch vor sich selbst versuchen wird herunter zu spielen. Dabei handelt es sich um instinktive Abwehrmechanismen, die der Intention dienen, die als lebenswichtig verinnerlichte Funktion im Alltag, möglichst lange aufrecht erhalten zu können. Hinzu kommen Schamgefühle, Versagensängste und die ganze Palette unschöner Begleiterscheinungen, die schlussendlich dazu führen, dass der Betreffende sich erst dann Hilfe holen wird, wenn er sich in einer so sehr zugespitzten Situation wiederfindet, dass es unmöglich wird, das Ganze noch „irgendwie zu verbergen und zu ignorieren“.

Das Wissen um eine mögliche Stigmatisierung, die Angst vor Ausgrenzung, damit einhergehendem eventuellem Jobverlust und schlussendlicher Verarmung, das alles erzeugt einen regelrechten Horrorfilm im Kopf des Leidenden; mit ihm als Hauptprotagonisten. Handelt es sich bei dem Leiden dann noch um etwas, das ohnehin im Ruf steht, zu manifesten Problemen im Alltag zu führen, wie z. B. bipolare oder Persönlichkeitsstörungen, bzw. gar ein dissoziatives oder psychotisches Geschehen, dann wird es für denjenigen extrem schwer, diese innere Hemmschwelle möglichst zügig zu überwinden.

Die Aussicht als Irrer zu gelten, als nicht zurechnungsfähig oder gar, als sich selbst oder fremd gefährdend, in der Psychiatrie zu landen, sie führt dazu, dass viele Problemstellungen erst dann offenbar werden, wenn besagte Gefährdung auch tatsächlich vorliegt. Die Angst vor der Verbringung in die Psychiatrie wird somit zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung.

Das ist sicherlich nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass eine handfeste Pathologie, so sie einem bescheinigt wird und in ihrer vollen symptomatischen Ausprägung vorliegt, dazu angetan ist, das gesamte bisherige Leben des Betroffenen zu kippen; zumindest jedoch in den Grundfesten zu erschüttern. Dieser darin immanente Verlust von Sicherheit, gesellt sich noch zu den anderen Unbill hinzu und der Erkrankte sieht sich quasi einem Gebirgsmassiv aus belastenden Symptomen, Unwägbarkeiten, Unsicherheiten und düster-bedrohlichen Zukunftsvisionen gegenüber, die er in seinem ohnehin angeschlagenen Zustand unmöglich meint bewältigen zu können. Das Ganze bricht über ihn herein, gleich einer alles zerschmetternden Naturkatastrophe.

Die lapidaren Aussagen einer oft minder informierten und damit wenig verständnisvollen Umwelt, alias „der hat halt einen an der Waffel“ o. ä., sind unter diesen Umständen noch eines der geringsten Probleme, die der Betreffende in seiner neuen Albtraumwelt vorfindet. Die Aussage vieler ehemaliger Patienten, „es war wie ein Alptraum“, ist damit übereinstimmend. Ein Nachtmahr also, das höchst persönliche Armageddon. Womit deutlich werden dürfte, welch enorme Überwindung und Kraftanstrengung es eine solche Person kosten wird, sich diesem Albtraumgebirge zu stellen, um es zu erobern und letztendlich sein Leben wieder zu erlangen.

Eines sei gesagt, jeder, wirklich ausnahmslos jeder, der einen solchen Kampf um das eigene Dasein bestreitet und daraus hervorgeht, wird danach um ein Vielfaches stärker und im menschlichen Wesen weiser sein, als er es war, bevor er sich auf diesem Schlachtfeld wiederfand. Doch das ist ein schwacher Trost, innerhalb des täglichen Ringens um die eigene Lebensqualität, das sich gut und gerne über viele Jahre erstrecken kann. Hier findet sich ein Mensch inmitten seines ihm unter den Füßen wegbrechenden Fundaments, noch mit der Aufgabe betraut, sich nun innerhalb eines völlig überlasteten Systems adäquate Hilfe organisieren zu sollen.

Nicht nur, dass zu eruieren wäre, wer einem in solcher Lage überhaupt fundiert weiterhelfen könnte, die entsprechenden Fachpraxen sind in aller Regel auch noch hoffnungslos überlaufen. Eine Sisyphos Aufgabe, an der man schier verzweifeln kann, wenn die eigene Symptomatik einen tagtäglich quält und man in den meisten Fällen die Mitteilung erhält, dass ein Termin erst in Wochen und der Antritt einer Therapie frühestens in 6-12 Monaten möglich wäre.

Das hier nun gezeichnete Szenario ist keine Ausnahme, sondern die Regel. Um so wichtiger ist es, dass eben diese Umstände ins Bewusstsein möglichst vieler Menschen gelangen, damit sich der oft wenig mitfühlende und ohne Fingerspitzengefühl erfolgende Umgang mit psychisch Erkrankten verändern kann. Diese haben zwar mittlerweile Ansätze einer Lobby, auf der Ebene von diversen Organisationen, die sich unter der Prämisse verschiedener Pathologien gebildet haben.

So gibt es beispielsweise spezielle Zusammenschlüsse für Depressionen, Autismus oder auch Persönlichkeitsstörungen. Nichtsdestotrotz sind die Betroffenen im Alltag allein und oft Verständnislosigkeit so wie breit gefächerten Vorurteilen ausgesetzt. Das ohnehin stark beeinträchtigte Selbstwertgefühl des Erkrankten wird dadurch zusätzlich tangiert und Gefühle wie Scham, Ohnmacht und Selbsthass finden darin einen reichhaltigen Nährboden.

Ich möchte mich, als Autorin dieses Textes, an dieser Stelle klar positionieren und betonen, dass ich das für absolut unmenschlich halte! In metaphorischer Analogie dazu, einen sowieso bereits am Boden liegenden Menschen noch weiter zu schlagen, zu treten und zu drangsalieren. Das ist in meinen Augen beschämend für eine Gesellschaft, die den Begriff „Schwarzfahren“ zwar meint ächten zu müssen, weil er rassistisch wäre, jedoch weiterhin stoische Ignoranz walten lässt, wenn innerhalb unseres Sozialgefüges Menschen zerrieben, stigmatisiert und alleingelassen werden.

Menschen, die sich nichts haben zuschulden kommen lassen, außer dem Umstand, dass sie ihrem eigenen Leidensdruck nicht mehr standhalten konnten. Erkrankte Menschen, die Hilfe und Beistand brauchen, anstatt noch zusätzliche Steine, die ihnen bei Weitem zu oft in den Weg gelegt werden.

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