Narzissmus: Die narzisstische Persönlichkeit und die Gesellschaft

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Darin wird auch der Werdegang angesprochen, den die Bewertung des Begriffes Narzissmus, bis hin zur NPS, über die Jahre durchlaufen hat. Der Narzisst als „Monster“ ist erst eine Ausgeburt jüngerer Zeit. Vermutlich stark befeuert, durch all die vielen privaten Opferberichte im Internet. Kurz, jeder Partner, der sich unliebsam gibt, ist mittlerweile ein potenziell Persönlichkeitsgestörter.

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Narzissmus: Das Dogma des sozialen Minimalkonsens

 

Ich denke, dass Narzissmus und damit die Persönlichkeiten, deren Besonderheit darin besteht, von einem enormen Egozentrismus geprägt zu sein und sich selbst als die wichtigste Autorität in ihrem Kosmos zu begreifen, ganz besonders deshalb irritierend wirken, weil diese Auffassung der eigenen Wichtigkeit, in unserer zeitgenössischen Erziehungskultur geächtet ist. Kindern wird möglichst früh ein Gemeinschaftsgefühl vermittelt, eine Art grundsätzliche Loyalität mit den Mitmenschen.

Die Wichtigkeit des sogenannten sozialen Netzes, das man sich im Idealfall möglichst früh bereits erschafft, wird überall betont; ist stets gegenwärtig. Das Individuum soll sich binden, sich verbinden, vernetzen, emotional empathisch seine Umwelt begreifen; um auf diese Weise Werte zu verinnerlichen und Recht von Unrecht unterscheiden zu können. Sich abzusondern ist verpönt, macht einen zum Außenseiter und jedem Mitspieler auf dem sozialen Parkett unmissverständlich klar, spielst du nicht mit, dann bist du draußen. Mitspielen meint jedoch nicht nur die Oberfläche, auch wenn diese es ist, auf der das Augenmerk liegt.

Es beinhaltet auch die – als selbstverständlich angenommene – Internalisierung zwischenmenschlicher Werte. Zu denen, an vorderster Front, der Gemeinschaftsgedanke und, als seine quasi Speerspitze, eine altruistisch motivierte Grundhaltung vorausgesetzt werden. Ich bin ein guter Mensch, wenn ich an die anderen Menschen mit denke. Teilen ist edel. Alles abgeben ist dumm, aber auch edel. An alle Anderen denken, außer an sich selbst, das ist das, was Heilige tun. Will ein Kind in der Kita nicht teilen oder verhält sich ab- / ausgrenzend, wird die Betreuerin intervenieren. „Aber Tom, findest du das schön? Schau nur, die Nina ist jetzt ganz traurig. Lass sie doch auch mitspielen.“

Und wenn Tom dann immer noch nicht will, dann steht ein Gespräch mit mindestens einem Elternteil im Raum. Kinder haben sich sozial zu verhalten, darauf wird alles ausgerichtet. Schließlich sollen sie vollwertige Mitglieder unserer sozialen Gesellschaft werden. Wir sehen uns hier dem Dogma des sozialen Minimalkonsens gegenüber, der als Grundfeste jeden korrekten, gesunden, zwischenmenschlichen Umgangs vorausgesetzt wird.

Dieses Dogma sieht sich indes extrem irritiert, so eine Besonderheit im Wesen auftritt, die sich seinen Grundfesten verweigert, in dem sie die eigene Person in einer Weise ins Zentrum des Interesses stellt, der sich alles andere unterzuordnen hat, wie es bei Narzissmus immanent der Fall ist. Eine narzisstische Persönlichkeit, die sich dem Eigenlob und der eigenen Wichtigkeit verschreibt, und, anstatt nach Integration ins Gemeinschaftsgefüge, eine exponierte Sonderstellung für sich anstrebt.

Ja, mitunter sogar deutlich ihren Anspruch der subjektiven Bevorzugung herausstreicht und diesen vehement einfordert, alles Sinnen und Trachten darauf richtet. Diese Persönlichkeit kann nur störend wirken, in einem auf Harmonie und Gleichklang ausgerichteten Umfeld. Und so wird sie, logisch zwingend, zum Störfaktor.

Der nächste Schritt, das Störende nun generell als in sich selbst gestört zu betrachten, scheint daher naheliegend. Ebenso die Konklusion, man müsse das Gestörte, den / die Gestörte, nun professionell passend machen (lassen). Umso entsetzlicher der Umstand, dass dererlei Gestörte idR keinen Anlass dazu sehen. Im Gegenteil, nur all zu oft darauf beharren, nicht sie wären das Problem, sondern die inadäquate, über Gebühr harmonisierende Verhaltensweise der Umwelt. Daraus entsteht ein Spannungsfeld der gegenseitigen Schuldzuweisungen, das, wird es nicht irgendwann aufgelöst, zur völligen Abkehr und Ausgrenzung desjenigen führen wird, der in dieser Situation gefangen verbleibt.

Die Selbstmordrate unter so genannten Persönlichkeitsgestörten, die beispielweise den Narzissmus beinhaltet, ist signifikant erhöht. Die vielen Opfer, bzw. die, die sich dafür halten und (oft im Internet) laut (an)klagend mit dem Finger auf ihre vermeintlichen Narzissten, Psychopathen, Borderliner u. ä. m. zeigen, oft diagnostiziert von eigenen Gnaden und ohne jede fundierte Grundlage, verschärfen diesen Zustand zusätzlich.

Mir bleibt an dieser Stelle lediglich, jeden Leser dieser Zeilen zu bitten, womöglich etwas mehr darauf zu achten, wo die Persönlichkeitsstörung etwas zu schnell bei der Hand ist. Wir tun uns alle keinen Gefallen mit dieser Art der Aburteilung, von etwas, das im Grunde jedem Menschen innewohnt. Dem Wunsch nach Achtung, Respekt, Annahme und dem, etwas Besonderes zu sein. Leben und leben lassen. Und ebenso auch einmal bei sich selbst hinschauen, wo man selbst sich nur zu gerne ins Recht setzt, ohne Rücksicht auf Verluste. Alleine das würde die Anzahl der vermeintlichen Narzissten / Psychopathen / Soziopathen / etc. pp. wahrscheinlich erheblich dezimieren. ;)

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